Hallo Zusammen,

da ich diesen Einschüchterungsversuch eines parteilosen, von der SPD, CDU und FDP gestützten Bürgermeisters für gesamtgesellschaftlich relevant halte, veröffentliche ich hier den Schriftwechsel zwischen ihm und meiner Agentur und wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Lesen - vor allem beim genialen Antwortschreiben ;-)

Beste Grüße, Anny Hartmann
PS: Weitere Reaktionen finden Sie hierzu in meinem Gästebuch.

Am 13.12.23 schrieb der Bürgermeister der Stadt Melsungen an meine Agentur (nachdem wir zweimal nach meiner Gage gefragt hatten):

Sehr geehrter Herr Schweinsberg,

mit großem Befremden hat der Magistrat der Stadt Melsungen den Auftritt von Frau Hartmann am 18.11.2023 in der Melsunger Stadthalle zur Kenntnis genommen.

Mit dem Aufruf zur Kontaktaufnahme und zu Veranstaltungen der „Letzten Generation“ sowie Ihrer eigenmächtigen Einladung dieser Gruppe zur o.g. Veranstaltungen haben Sie die von uns beworbene Kulturveranstaltung „politisch unterwandert“ und damit uns als Veranstalter sowie eine Reihe von Zuhörern vor den Kopf gestoßen. Dies wird von Seiten des Magistrats der Stadt Melsungen in keiner Weise toleriert und führt im Ergebnis dazu, dass jede weitere Zusammenarbeit mit Ihnen abgelehnt wird. Eine künftige Kontaktaufnahme mit der Tourist Info und der Stadt Melsungen ist insofern ausdrücklich nicht gewünscht.

Dennoch werden wir Ihr vereinbartes Honorar in Kürze zur Auszahlung anweisen.

Mit freundlichen Grüßen

Markus Boucsein

Bürgermeister

Magistrat der Stadt Melsungen

Am Markt 1

34212 Melsungen

 

Meine Agentur antwortet folgendes:

Guten Tag Herr Boucsein,

mit Verwunderung und erheitert lese ich Ihre Mail.

Sie beziehen sich darin auf den Auftritt und die damit verbundene Programmgestaltung der aktuellen Preisträgerin des Deutschen Kleinkunstpreises Anny Hartmann aus meiner Agentur KuLTuS. Nach begeisterten Stimmen und Zuschriften von Dutzenden Besucher*innen übrigens die beste Kabarettveranstaltung die es je in Melsungen gab.

In Ihrer Mail enthüllen Sie ein merkwürdiges Demokratieverständnis!

Aber zunächst eine Richtigstellung:

Wie alle von mir und meiner Agentur vertretenen Künstlerinnen ist auch Anny Hartmann in der Ausgestaltung ihres Programms frei und unterliegt keinen künstlerischen Weisungen durch die Veranstalter.
Des Weiteren kann sie pro Abend über 4 Gästekarten frei verfügen. (s. dazu § 2 und § 8 im Gastspielvertrag). Da bereits vier Gästekarten unsererseits vergeben waren, fragte ich Frau Karin Braun, angesichts der noch freien Plätze, ob vielleicht noch zusätzlich zwei Gästekarten für zwei Damen, die sich für die Umweltaktionsgruppe „Letzte Generation“ engagieren, möglich wären. Frau Braun verneinte meine Anfrage und so erwarben die beiden Damen käuflich ihre Eintrittskarten an der Abendkasse. Die Damen waren somit also NICHT eingeladen.

Bei ca. 100 Kabarettveranstaltungen jährlich im gesamten Bundesgebiet bieten die Veranstalter (wie z.B. das Münchner Lustspielhaus, das Berliner Theater Wühlmäuse, die Deutsche Oper Bonn u.v.m.) dem Publikum von Frau Hartmann in ihren jeweiligen Foyers die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme und zu Informationen aus erster Hand zu den Klima- und Umweltschutzaktionen der „Letzten Generation“. Und so gab es auch im Foyer der Melsunger Stadthalle keinen Zwang, sich mit den freundlichen Vertreterinnen der Letzten Generation zu unterhalten.

Dass diese Gastfreundschaft - als solidarischer Akt zwischen Kulturveranstaltern und Künstler*innen - in hundert anderen Städten so gepflegt, in Melsungen dagegen seitens des Magistrats und des Bürgermeisters als „politische Unterwanderung“ bezeichnet wird, wirft ein merkwürdiges und nicht gerade helles Licht auf die Stadtoberen.

Zudem möchte ich Sie an dieser Stelle fragen, was Sie von einer politischen Kabarettistin, die in der Tradition und Qualität von Volker Pispers und Dieter Hildebrandt agiert, erwarten: politische Opportunität, Anpassung und Unterwürfigkeit?
Die Erfahrungen aus 25 Jahren Bühnenleben haben Frau Hartmann gelehrt, dass es die vermeintlich Mächtigen und konservativen Kräfte aus dem neoliberalen und rechten politischen Spektrum sind, die sich in ihren Solo-Programmen ertappt und „vor den Kopf gestoßen“ fühlen.
Ich empfehle Ihnen, Ihr Verständnis und Ihre Toleranz in Bezug auf die Kunstfreiheit (s. Artikel 5 Grundgesetz) nochmal zu überprüfen.

Gesamtgesellschaftlich wirft Ihre Mail ohnehin die Frage auf, ob ein Bürgermeister nicht eher den Anspruch haben sollte, den Diskurs offen zu halten und Diversität und Vielfalt zu unterstützen? Ist die politische Meinungsfreiheit etwa in Melsungen durch die Stadtspitze nicht mehr gewährleistet?

Nun komme ich an den Punkt in Ihrer Mail, wo Sie mir mitteilen, dass jede weitere Zusammenarbeit mit mir abgelehnt wird. Bisher ging es in Ihrer Mail um die Aktivitäten, das Bühnenprogramm und die Gäste der politischen Kabarettistin Anny Hartmann und dass der Magistrat das alles „in keiner Weise toleriert“.
Ihre Schlussfolgerung bzw. das „Ergebnis“ bezieht sich dann plötzlich auf mich als Agenturvertreter und lautet – Zitat: „Eine künftige Kontaktaufnahme mit der Tourist Info und der Stadt Melsungen ist insofern ausdrücklich nicht gewünscht.“

Sie nehmen mich also im Grunde in „Sippenhaft“ und erklären mich damit quasi zu einer persona-non-grata!

Nun hätte Ihr geäußerter Wunsch zur Folge, dass ich z.B. für interessierte Freunde keine Souvenirs in der Tourist Info kaufen dürfte, oder meinen Personalausweis im Bürgerbüro der Stadt Melsungen nicht verlängern dürfte. Sie sprechen mir also, als Bürger von Melsungen, die Freiheit ab, mich in der Stadt, resp. an öffentlichen Orten frei zu bewegen.

Und da befinden wir uns in einem Bereich, der Ihre Drohung justitiabel werden lässt und wo Ihr Demokratieverständnis einer juristischen Prüfung unterzogen werden sollte… !

Zum Schluss noch eine Bemerkung zum Wort „Dennoch“ im letzten Satz Ihrer Mail: Dennoch werden wir Ihr vereinbartes Honorar in Kürze zur Auszahlung anweisen.

Soll das etwa bedeuten, dass Sie tatsächlich in Betracht gezogen haben vertragsbrüchig zu werden?

Ich freue mich auf Ihre Antwort und darüber, was gutes politisches Kabarett ausrichten und bewirken kann!

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Schweinsberg

PS: Da Sie leider nicht in den Genuss gekommen sind, das Solo-Programm von Anny Hartmann live in der Stadthalle zu erleben, hier noch zwei Links zu den Shows in der ARD-Mediathek zur Unterhaltung und politischen Bildung: ARD-Mediathek „Lobbyprogramm“  – ARD-Mediathek „Klima-Programm“