"Sie sind das Methadon-Programm für Volker Pispers Fans. Ihre Programme sind die Sesamstraße für politische Bildung."
(Fan aus Hamburg)
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Wolfgang Heininger
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Wolfgang Heininger
schrieb am 8. November 2014
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16:42
08. November 2014
Anny Hartmann
Mit Hirn und Haltung
Von Wolfgang Heininger
Anny Hartmann (Archivbild). Foto: imago
Die Kölner Diplom-Volkswirtin Anny Hartmann beweist bei ihrem Auftritt im Aschaffenburger Hofgarten, dass auch Frauen politisches Kabarett können.
Wenn eine Diplom-Volkswirtin von der Sparkasse auf die Bühne wechselt, dann muss ein solcher Auftritt keine trockene Angelegenheit werden. Zwar hatten potenzielle Schenkelklopfer am Freitag im Aschaffenburger Hofgarten Pause, aber die Kölnerin versteht es gleichwohl, ihr politisches Referat ausreichend mit Pointen aufzulockern. Die 44-Jährige präsentierte sich als kompetente Aufwieglerin mit kölschem Humor.
„Ich hab' jetzt zwei Stunden einer Frau zugehört. Das hätte ich zu Hause billiger haben können.“ Das ist schon eine böse Unterstellung, die sich das männliche Publikum an diesem Abend in der Aschaffenburger Kleinkunsthochburg anhören musste. Nein es hat sich schon gelohnt, dieser Fachfrau für Geldangelegenheiten zu lauschen, die nach ihrem Studium fünf Jahre lang in der Kölner Stadtsparkasse aushielt, um danach Abschied vom „bürgerlichen Leben“ zu nehmen.
„Ich sehe tote Menschen“
„Ich sehe tote Menschen.“ Das Zitat aus dem Thriller „The sixth Sense“ wurde für Anny Hartmann in der Bank zur Wirklichkeit. Das Essen in der Kantine habe auf sie wie ein Leichenschmaus gewirkt. Steif und leblos sei es dort zugegangen. Sie kündigte 2003, nachdem sie bereits Bühnenluft geschnuppert und sich auch als Regisseurin versucht hatte. Seitdem ist sie – zunächst mit Comedy - auf Tour und gilt inzwischen zusammen mit Simone Solga als beste politische Kabarettistin in einem doch sehr übersichtlichen Konkurrentinnenfeld.
Zeigen, was ist und warum. Missstände analysieren und mögliche Lösungswege darstellen. Das Ganze überspitzen und ordentlich mit Witz anreichern. Das ist Kabarett. Zumindest zwei dieser drei Bedingungen erfüllt Anny Hartmann mit hoher Sachkompetenz auf schwierigem Terrain. Erklärt, dass diejenigen mit einem Jahreseinkommen über 72.000 Euro durch die sogenannte Beitragsbemessungsgrenze vom Staat so geschützt werden, dass sie keine müde Mark mehr an Sozialbeiträgen bezahlen müssen, egal wie viel mehr sie verdienen – pardon: bekommen.
Hartmann macht deutlich, dass die vom „Sozialdemokraten“ Peer Steinbrück abgeschaffte Vermögenssteuer 11,5 Milliarden jährlich einbringen könnte, wenn sie wieder eingeführt würde. Und das bei einem Satz von nur einem Prozent ab zwei Millionen Euro Besitz. Dass eine solche Abgabe also niemandem weh täte, aber enorm hilfreich für notwendige Investitionen in die Infrastruktur wäre.
Reiche Kriminelle kaufen sich frei
Hartmann beklagt, dass die Wirtschaft mittlerweile nicht nur Politik, sondern auch das Recht dominiert, wie etwa das Beispiel des Formel-1-Zaren Ecclestone gezeigt habe, der sich von einer echten Strafe mit 100 Millionen Dollar freikaufte. Dass das Freihandelsabkommen TTIP nur den Konzernen dienlich sei im Bestreben, Verbraucherschutz, Arbeitnehmerrechte und Umweltauflagen auszuhöhlen. Dafür werde eine eigene Gerichtsbarkeit ohne öffentliche Verhandlungen und Berufungsmöglichkeiten geschaffen.
Letztlich könne ein Unternehmen einen Staat sogar wegen des Ausbleibens erwarteter Gewinne verklagen. Was Hartmann zu der Ansicht führt: „Was sind 50 Juristen auf dem Meeresgrund? - Ein guter Anfang.“
Hartmann klärt auf, wie Firmen Datenprofile der Konsumenten anfertigen lassen, um sie für ihre Zwecke einzusetzen, wie der internationale Währungsfonds IWF überschuldete Länder noch mehr in die Armut treibt, um sie dauerhaft kontrollieren zu können.
Die Haare könnten den Zuhörern zu Berge stehen, wenn die Kabarettistin die Systeme der Ungerechtigkeit zerlegt und anschaulich macht. Sie belässt es allerdings nicht bei der schonungslosen Detailarbeit, sondern zeigt auch Lösungsansätze. Setzt sich unter anderem für ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden ein.
Eine Chance für Glück und Talente
Ein ebenso revolutionärer wie umstrittener Ansatz. Der aber auf jeden Fall zur Folge hätte, dass die Menschen glücklicher wären, wenn sie sich nicht um ihr Auskommen sorgen müssten. Wenn sie einer Arbeit nachgingen, bei der sie ihre Interessen, Stärken und Talente stärker einsetzen könnten als in ihrem jetzigen Beruf.
Da kommt die Hartmann regelrecht ins Schwärmen. Ihr Kabarett-Kollege Volker Pispers hat ihr nicht umsonst „Haltung und Hirn“ bescheinigt. Lediglich am Humor könnte sie – ebenso wie an ihrer Garderobe – noch etwas arbeiten.
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